Sonderkonzert 


Mittwoch, den 2. September 2020 um 19:30 Uhr, Einlass 19:00 Uhr

Kunst-Station Sankt Peter Köln, Jabachstraße 1, 50676 Köln

1. Teil: chamber

Ensemble Dialogos

Katarina Livljanic – Stimme 

Norbert Rodenkirchen – Traversflöte, Harfe

Albrecht Maurer – Gothische Fidel

Yoshi Oida – Regie, Tom Schenk – Video

2. Teil: remix

Simon Stockhausen

Simon Stockhausen – Live Elektronik

Ensemble Dialogos - Barlaam & Josaphat

Eine christianisierte Version des Lebens von Buddha


Das Pariser Ensemble Dialogos kehrt zurück in der Kunststation St. Peter, wo sie 2017 die CD mit diesem  Programm aufgenommen haben. 


Katarina Livljanic reiste durch ganz Europa, auf Spurensuche nach alten Quellen und rekonstruierte diese erstaunliche Musik. Yoshi Oida hat diese Bühnenversion inszeniert, mit kraftvolle Videos von Tom Schenk.


Weiter Informationen zum Programm und den Mitgliedern des Ensembles finden Sie unter: http://www.ensemble-dialogos.org/en/programmes-en/barlaam-et-josaphat

Simon Stockhausen wird die Klänge von Dialogos als Ausgangsmaterial nutzen, um Musik zu erzeugen, in der sich die Grenzen zwischen den Genres auflösen. Die Vorbereitung des Materials mithilfe der kompositorischen Klangsynthese ist hierbei längst Teil des Kompositionsprozesses, einer Musik, die Sprache von ihrer Aussage lösen und Geräusche musikalisieren kann.


Weiter Informationen zu Simon Stockhausen finden Sie unter:

https://www.simonstockhausen.com/index.html

Programm


Josaphats Geburt und Jugend

Era in quel tempo d’India signore

aus: Neri Pagliaresi (14. Jh.), Leggenda di Santo Giosafà, Oxford, Bodleian Library, Ms. Canonici 53


Tod

Quinsainne apries

aus: Gui de Cambrai (13. Jh.), Barlaam et Josaphat, Montecassino, Archivio, ms. 329

Vers de la mort

aus: Hélinand de Froidmont (12. Jh.), Vers de la mort, Montecassino, Archivio, ms. 329

Molt est dolans li fils le roi

aus: Gui de Cambrai, Barlaam et Josaphat, Montecassino, Archivio, ms. 329

musikalische Rekonstruktionen nach Paris, BNF, ms. lat 238


Barlaam

Nempe senex quidam, vir sanctus nomine Barlaam

aus: Versus de Sanctis Barlaam et Josaphat (12. Jh.), Besançon, BM, ms. 94

I poyde Barlaam na urata od Palaca

aus: Xivot svetoga Giosafata (18. Jh), Zagreb, NSK, SM 32 D 2

musikalische Rekonstruktion nach Zakantajmo i mi dva, traditionelle Weise aus Kroatien


Parabeln

E si tu aguessas huelhs esperitals 

Parabel von der Nachtigall aus Barlam et Jozaphas (14. Jh.), Paris, BNF, ms. fr. 1049

musikalische Rekonstruktion nach La dousa votz ai auzida del rosinholet sauvatge des Bernard de Ventadorn, Paris, BNF, ms. 22543

Iviron-Beschwörungen I

Kloster Iviron (Berg Athos, 17. Jh.), ms 1203

Varlaam ze glagola

Parabel vom Einhorn aus: Повесть о Варлааме и Иоасафе (16. Jh.), Moskau, Russische Staatsbibliothek, Bolshakov ms. 410


Josaphats Taufe

Li fils le roi li respondi

aus: Gui de Cambrai, Barlaam et Josaphat (13. Jh.), Montecassino, Archivio, ms. 329

musikalische Rekonstruktion nach Oxford, Bodleian Library, Canon. Liturg. 342


Der Zorn der Götter

I chada chragl bise razumi

aus: Xivot svetoga Giosafata (18. Jh.), Zagreb, NSK, SM 32 D 2

Tafta un panta os ikusen o vasilefs

aus: Varlaam kai Ioasaf (11. Jh.), Paris, BNF, ms. gr. 903

Iviron-Beschwörungen II

Kloster Iviron (Berg Athos, 17. Jh.), ms 1203

Vous, gent ki estes en cest mont

aus: Gui de Cambrai, Barlaam et Josaphat, Montecassino, Archivio, ms. 329


Musikalische Rekonstruktionen und Text-Adaptionen: Katarina Livljanic; instrumentale Rekonstruktionen: Norbert Rodenkirchen und Albrecht Maurer 

Philologische, literarische und musikwissenschaftliche Beratung: Milja Vukovic, Geneviève Brunel Lobrichon (Okkzitanisch), Maria Ana Duerrigl, Jasna Vince (Altkroatisch), Claudio Galderisi (Altitalienisch), Richard Traxler, Fanny Maillet, Isabelle Ragnard (Altfranzösisch), Véronique Lossky (Altrussisch), Theodora Psychoyou (Griechisch)

Barlaam und Josaphat


Das heutige Programm ist durch eine der populärsten mittelalterlichen Legenden inspiriert, die unglaubliche Geschichte von Josaphat und seinem Meister Barlaam, die ihren Ursprung im Indien des dritten oder vierten Jahrhunderts hat. Bei dieser fast surrealistischen Erzählung handelt es sich allem Anschein nach um eine christianisierte Version der Lebensgeschichte Buddhas: Sie beginnt mit einem König namens Avenir, der die Christen verfolgt. Als ihm Astrologen voraussagen, dass sein eigener Sohn Josaphat eines Tages Christ werden wird, beschließt Avenir, den jungen Prinzen von jedem Kontakt zu menschlichem Leid, zu Alter oder Krankheit fernzuhalten. Er hält ihn in einer künstlichen Idealwelt fest (wie wir sie ähnlich aus den heutigen Reality-Shows kennen). Obwohl Josaphat vom wirklichen Leben isoliert ist, begegnet er dem Eremiten Barlaam. Durch eine Folge schillernder ungewöhnlicher Begegnungen, Offenbarungen und Unterweisungen durch Gleichnisse bewegt, konvertiert er zum Christentum. In einer der Begegnungen erfahren wir von theologischen Problemen, die durch einen Mann gelöst werden, der sich auf die Heilung verdorbener Sprache versteht: Er kann Worte heilen, die schon gesprochen sind und dabei Unheil angerichtet oder jemanden verletzt haben.

Die erste christliche Adaption der Geschichte von Barlaam und Josaphat war das Epos Balavariani, das in Georgien entstand und im 10. Jahrhundert aufgeschrieben wurde. Im folgenden Jahrhundert wurde es ins Griechische und dann ins Lateinische übertragen, erlangte dadurch immer größere Beliebtheit und verbreitete sich über ganz Europa in einer Vielzahl von Sprachen. Die Geschichte erscheint in zahlreichen Manuskripten und hat sogar Eingang in Sammlungen von Heiligen-Viten wie die berühmte legenda aurea aus dem 13. Jahrhundert gefunden. Ihre Popularität war so groß, dass Barlaam und Josaphat durch die christliche Kirche als Heilige kanonisiert wurden, obwohl es keinen Beweis für ihre tatsächliche Existenz gibt. Die Tradition ihrer Verehrung hielt sich bis ins 20. Jahrhundert, in dem ihr Festtag dann schließlich aus dem Kirchenkalender gestrichen wurde – aber keineswegs aus dem volkstümlichen Glauben. 


Der populäre und kosmopolitische Charakter, aber auch die Universalität dieser Legende inspirierte uns zu einem Programm, in dem drei Ausführende Barlaam und Josaphat auf ihren vielen Wanderungen folgen. Auch unser Programm hat im Zuge seiner Entstehung mehrere Ebenen durchschritten. Da war zunächst die Frage der Aufführungsweise: Ein ›historisch informierter‹ Ansatz würde versuchen, einen mehr oder weniger ›authentischen‹ Kontext zu rekonstruierten, in dem die Legende vor einem mittelalterlichen Zuhörerkreis in Gesang und Erzählung vorgeführt worden wäre. Im Gegensatz dazu haben wir uns entschieden, eine neuartige Präsentationsform zu schaffen, die sich wie ein Mosaik aus verschiedenen historischen Quellen und Stücken zusammensetzt. Wir führen Auszüge vor, die in ganz unterschiedlichen musikalischen Repertoires des Mittelalters ihre Wirkung entfaltet haben – im Griechischen, Lateinischen, Altrussischen, Altkroatischen, Altfranzösischen, im mittelalterlichen Okzitanisch und Italienisch. Dazu war es notwendig, die Geschichte in verschiedenen Sprachen zu lesen und die Stückauswahl so zu treffen, dass ein roter Faden sichtbar wird (die ganze Legende aufzuführen, würde wahrscheinlich einen ganz Tag in Anspruch nehmen). Schließlich zeichneten sich für uns die endgültigen Umrisse dieser vielsprachigen Geschichte ab. Unsere polyglotte Aufführungsweise führt zu einem Ergebnis, das ein mittelalterliches Publikum niemals hätte hören können, denn es ist geradezu unvorstellbar, dass ein damaliger Hörer sechs verschiedene Sprachen verstehen konnte. 


Die literarischen Quellen der Geschichte von Barlaam und Josaphat (ihre Namen sind in unterschiedlichen Versionen überliefert, so auch als Baleham oder Varlaam, Ioasaf oder Giosofat) stammen aus verschiedenen Ländern und Jahrhunderten, sind teils handschriftlich abgefasst und teils gedruckt. Sie bezeugen auch unterschiedliche Stadien in der Entwicklungsgeschichte der jeweiligen Sprache. Da die Legende auch in der mündlichen Tradition die Zeiten überdauerte, muss eine schriftliche Fassung nicht notwendigerweise aus der gleichen Zeit stammen, in der die Legende in einem Land übersetzt und damit bekannt wurde. 

Chamber Remix Cologne

Kunsthafen im Rhenania Bayenstrasse 28  

50678 Köln

Kontakt

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